
Was ein Horoskop über einen Hof verrät – und was nicht
Astrologische Texte waren im Umfeld europäischer Herrscher präsent. Davon zeugen erhaltene Handschriften: eine Sammlung mit politischen Prophezeiungen, eine Deutung zur Geburt eines Königs und ein späterer Band mit Horoskopen mehrerer Mitglieder europäischer Herrscherhäuser. Wer darin nach einer Erklärung für einzelne politische Entscheidungen sucht, muss allerdings genau hinsehen. Dass ein Horoskop geschrieben oder aufbewahrt wurde, sagt noch nicht, wer es gelesen hat – geschweige denn, ob jemand danach handelte.
Drei Handschriften machen diesen Unterschied besonders anschaulich. Die eine belegt, dass astrologische und politische Texte gemeinsam überliefert wurden. Bei der zweiten lässt sich ein Bezug zu einem politischen Streit diskutieren. Die dritte enthält Horoskope prominenter Personen, ohne deren Verwendung zu dokumentieren. Zusammen erzählen sie keine Geschichte von Herrschern, die ihre Politik nach den Sternen ausrichteten. Sie zeigen vielmehr, welche Fragen sich an solche Quellen stellen lassen.
Arundel MS 66: Astrologie neben politischer Prophezeiung
Die British Library datiert Arundel MS 66 in ihrem Katalog auf das Jahr 1490. Sie beschreibt eine Handschrift, in der astronomische Tabellen, astrologische Schriften und politische Prophezeiungen zusammenkommen. Schon diese Zusammenstellung ist aufschlussreich: Berechnungen und Deutungen des Himmels standen hier nicht isoliert für sich, sondern wurden gemeinsam mit Texten über politische Angelegenheiten gesammelt.
Das ist ein Befund über den Inhalt der Handschrift, noch keine Aussage über ihren Gebrauch. Ein Katalogeintrag kann zeigen, welche Textarten in einem Band überliefert sind. Er belegt nicht allein, dass ein König den Band zur Hand nahm, einen Rat daraus erhielt oder sich bei einer Entscheidung darauf stützte. Gerade die Nähe von astrologischer Schrift und politischer Prophezeiung lädt zu solchen Vermutungen ein. Quellenkritisch bleibt jedoch ein Schritt dazwischen: Wer nutzte den Text, in welcher Situation und mit welchem erkennbaren Ergebnis?
Arundel MS 66 ist deshalb kein Beleg dafür, dass astrologische Berechnungen einen Kriegszug oder den Termin einer Krönung bestimmten. Die Handschrift zeigt etwas Konkretes und Interessantes genug: In einem überlieferten Band konnten Himmelsberechnung, astrologische Auslegung und politische Zukunftsbilder nebeneinanderstehen.
Ee.3.61: Ein Geburtshoroskop im politischen Streit
Einen engeren Bezug zu einem politischen Konflikt bietet die Handschrift Ee.3.61 der Universitätsbibliothek Cambridge. Sie enthält ein astrologisches Werk über die Geburt Heinrichs VI. Hier geht es nicht nur um einen beliebigen Text über Sterne, sondern um eine Deutung, die sich auf einen namentlich bekannten König bezieht.
Die Bibliothek erläutert die Handschrift unter Rückgriff auf die Historikerin Hilary Carey. Nach der von ihr wiedergegebenen Deutung entstand eine günstigere Auslegung als Antwort auf Horoskope, die Eleanor Cobham in Auftrag gegeben hatte. Damit erhält der astrologische Text eine politische Dimension: Unterschiedliche Aussagen über einen Herrscher konnten in einer Auseinandersetzung eine Rolle spielen. Eine günstigere Deutung war dann nicht bloß eine andere Lesart des Geburtshoroskops, sondern konnte auch als Gegenposition zu bereits kursierenden Horoskopen verstanden werden.
Wichtig ist dabei, Befund und historische Einordnung auseinanderzuhalten. Das astrologische Werk in Ee.3.61 ist als Teil der Handschrift überliefert. Die Verbindung zwischen seiner günstigeren Deutung und den von Eleanor Cobham bestellten Horoskopen begegnet uns hier in der Darstellung der Bibliothek, die sich auf Carey stützt. Sie sollte nicht so erzählt werden, als liege mit der Handschrift zugleich eine unmittelbare Aufzeichnung jeder Auftragserteilung und jeder politischen Reaktion vor.
Der Fall zeigt, wie eine astrologische Aussage zum Gegenstand eines politischen Streits werden konnte. Er zeigt nicht, dass die Deutung eine bestimmte Entscheidung Heinrichs VI. herbeiführte. Zwischen einer umstrittenen Aussage über einen König und einem nachweisbaren Einfluss auf dessen Handeln liegt eine weitere, entscheidende Frage.
Sloane MS 1707: Herrscherhoroskope in einer späteren Sammlung
Dass Horoskope hochgestellter Personen überliefert wurden, zeigt auch Sloane MS 1707. Der Katalog der British Library verzeichnet in dieser Handschrift aus dem 17. Jahrhundert Horoskope mehrerer europäischer Herrscherpersönlichkeiten, darunter Henrietta Maria, Ferdinand III. und Ludwig XIV.
Die Namen machen die Sammlung reizvoll. Schnell entsteht das Bild eines Hofes, an dem Astrologen für diese Personen arbeiteten und ihre Deutungen an die Betroffenen weitergaben. Doch genau das sagt der Katalogeintrag nicht. Er nennt die Horoskope in der Handschrift, ohne damit zu klären, wer sie jeweils in Auftrag gab oder ob die genannten Personen sie überhaupt nutzten. Ein Horoskop über jemanden ist nicht automatisch ein Horoskop für diese Person.
Auch der Ort der Überlieferung beantwortet die Frage nach dem ursprünglichen Zweck nicht von selbst. Ein Text kann gesammelt und aufbewahrt werden, ohne dass sich aus seinem Erhalt eine frühere Beratungssituation rekonstruieren lässt. Sloane MS 1707 belegt daher eine Beschäftigung mit Horoskopen europäischer Herrscherpersonen. Für Aussagen über deren Entscheidungen reicht dieser Befund nicht aus.
Wo die Beweise enden
Bei allen drei Handschriften lohnt sich dieselbe Unterscheidung. Erstens: Was ist erhalten? Das können Tabellen, astrologische Texte, Prophezeiungen oder einzelne Horoskope sein. Zweitens: Wie wird ihr Zweck historisch gedeutet? Hier zählen etwa die behandelte Person und ein möglicher Bezug zu einem politischen Streit. Drittens: Gibt es einen Beleg dafür, dass eine konkrete Entscheidung von der Deutung beeinflusst wurde?
Die ersten beiden Fragen lassen sich bei den vorgestellten Beispielen unterschiedlich weit beantworten. Die dritte bleibt offen. Aus den genannten Quellen geht nicht hervor, dass astrologische Deutungen den Termin einer Krönung festlegten oder den Ausgang einer Schlacht bestimmten. Solche Behauptungen würden mehr verlangen als die Existenz eines Horoskops: einen nachvollziehbaren Zusammenhang zwischen Text, Nutzung und Entscheidung.
Gerade ohne diesen Sprung sind die Handschriften bemerkenswert. Arundel MS 66 zeigt das Nebeneinander astrologischer und politischer Texte. Ee.3.61 führt zu einer historisch begründeten Deutung astrologischer Aussagen in einem politischen Streit. Sloane MS 1707 bewahrt Horoskope namhafter Herrscherpersonen. Sie geben Einblick in die schriftliche Kultur rund um europäische Höfe – nicht in einen geheimen Fahrplan, nach dem Politik betrieben wurde.