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Skorpion und Sämann im mittelalterlichen Kalender

Warum stehen Skorpion und Sämann im mittelalterlichen Kalender nebeneinander? Handschriften aus dem Getty Museum und der Royal Society zeigen, wie Tierkreis, Feldarbeit und Kirchenjahr zusammenfanden.

Illustration einer aufgeschlagenen mittelalterlichen Handschrift mit einem Sämann und einem Skorpionmedaillon auf einer Museumshalterung.

Ein Sämann trifft auf den Skorpion

Ein Mensch sät, ein Skorpion bezeichnet einen Abschnitt des Jahres: Auf einer mittelalterlichen Kalenderseite gehören diese beiden Motive zusammen. Das Getty Museum führt das Blatt unter dem Titel Calendar Page for October; Sowing; Scorpio. Es wird dem Meister der Lee-Stundenbücher zugeschrieben, entstand ungefähr 1450–1455 und wurde wahrscheinlich in Gent angefertigt. In der Sammlung ist es als Ms. 2 (84.ML.67), fol. 10 verzeichnet.

Für heutige Astrologiebegeisterte ist diese Begegnung reizvoll. Der Skorpion erscheint hier nicht als Überschrift eines Persönlichkeitsporträts, sondern als Teil eines Jahresbildes. Neben ihm steht eine Tätigkeit, die den Oktober auf dem Feld sichtbar macht: die Aussaat.

Doch welche Beziehung verbindet die beiden? Zeigt die Seite einen günstigen Zeitpunkt zum Säen an? Oder stellt sie verschiedene Ordnungen des Jahres nebeneinander? Um das Blatt zu verstehen, lohnt es sich, zunächst bei seiner Aufgabe als Kalenderseite zu bleiben.

Der Tierkreis als Begleiter durch das Jahr

Stundenbücher enthielten Gebete und Lesungen für den täglichen Gebrauch und für den Jahreslauf. Ihre Kalender halfen dabei, sich innerhalb dieses Jahres zu orientieren. Neben den Kalenderangaben konnten Bilder der jeweiligen Monatsarbeiten und Zeichen des Tierkreises stehen.

Diese Verbindung brachte unterschiedliche Erfahrungen von Zeit auf einer Seite zusammen. Die Monatsarbeit erinnerte an wiederkehrende Tätigkeiten. Das Tierkreiszeichen ordnete den Monat in den vertrauten Zeichenkreis ein. Der kirchliche Kalender gab dem Jahr durch seine Feste eine weitere Gliederung.

Der Skorpion war damit mehr als Schmuck: Er gehörte zu einem Bildprogramm, das den Jahreslauf lesbar machte. Wer das Zeichen erkannte, konnte es zusammen mit der dargestellten Arbeit als Orientierung nutzen. Himmel, Alltag und religiöse Zeitordnung begegneten sich im selben Buch.

Die Zuordnung des Skorpions zu einer Oktoberillustration ist dabei nicht mit einer genauen Angabe zum Eintritt der Sonne in das Zeichen gleichzusetzen. Eine Monatsseite erfüllt eine andere Aufgabe als eine Tabelle mit berechneten Zeichenwechseln. Sie verdichtet einen Abschnitt des Jahres zu einem einprägsamen Bildpaar.

Ein Kalender zum Aufklappen

Wie eng diese Ebenen verbunden sein konnten, zeigt ein anderer Gegenstand besonders anschaulich: der Faltalmanach MS/45 der Royal Society, datiert auf ungefähr 1383–1400.

Hier wechseln sich Darstellungen der Tierkreiszeichen mit den entsprechenden Monatsarbeiten ab. Die Bildpaare lassen sich aufklappen; darunter wird der liturgische Kalender des jeweiligen Monats sichtbar. Man betrachtet also nicht nur nebeneinander angeordnete Motive. Durch das Öffnen einer Lage gelangt man von Zeichen und Arbeit zu den Einträgen des Kirchenjahres.

Das ist eine bemerkenswerte Gestaltung. Was auf einer gewöhnlichen Buchseite durch Nachbarschaft verbunden ist, wird hier durch die Konstruktion des Gegenstands miteinander verknüpft. Der Tierkreis gehört zur Benutzung des Kalenders, nicht bloß zu seiner Verzierung.

Wer sich heute durch einen digitalen Kalender bewegt, wählt oft zwischen verschiedenen Ansichten. Beim Faltalmanach geschieht der Wechsel mit der Hand: Ein Bild wird angehoben, eine weitere Zeitebene tritt hervor. Der Vergleich macht die historische Handhabung anschaulich, ohne aus dem Almanach einen modernen Terminplaner zu machen.

Warum nicht jeder Oktober gleich aussieht

Die Verbindung von Oktober und Aussaat ist auch auf einem weiteren Blatt im Getty Museum belegt. October; Sowing stammt aus dem dort als Bedford Book of Hours bezeichneten Stundenbuch, Ms. Ludwig IX 6 (83.ML.102), fol. 10. Es wird ungefähr auf 1440–1450 datiert und der Werkstatt des Bedford-Meisters zugeschrieben.

Damit begegnet uns das Säen nicht nur auf einem einzelnen Oktoberblatt. Dennoch war es nicht das einzig mögliche Monatsmotiv. Der kuratorische Überblick des Getty nennt im Zusammenhang mit Oktober und Skorpion auch das Treten von Trauben.

Gerade diese Abwechslung ist aufschlussreich. Ein Tierkreiszeichen konnte mit unterschiedlichen saisonalen Tätigkeiten verbunden werden. Die Bilder bildeten keinen einheitlichen Arbeitsplan ab, der unverändert für ganz Europa gegolten hätte. Sie gehörten zu einer vielfältigen Kalendertradition.

Beim Almanach der Royal Society kommt eine mögliche regionale Einordnung hinzu. Nach dem Katalog deuten die eingetragenen Feste auf Verbindungen nach London oder Kent hin. Auch die Verteilung der landwirtschaftlichen Tätigkeiten wird dort mit dem milden Klima Südenglands in Beziehung gesetzt.

Das sind vorsichtige Hinweise auf einen möglichen Entstehungszusammenhang. Sie helfen, die Bildauswahl zu verstehen. Sie legen aber weder den Herstellungsort sicher fest noch zeigen sie, wann sämtliche Menschen einer Region ihre Felder tatsächlich bestellten.

Drei Fragen für den Blick auf alte Kalender

Wer historische Tierkreisbilder betrachtet, kann mit drei einfachen Fragen viel entdecken. Sie helfen auch dabei, die besondere Rolle der Astrologie innerhalb solcher Kalender genauer wahrzunehmen.

Was zeigt die Seite tatsächlich?

Beim ersten Getty-Blatt lautet die Antwort: eine Oktoberseite mit Aussaat und Skorpion. Im Faltalmanach sehen wir die Verbindung von Tierkreiszeichen, Monatsarbeiten und einem darunterliegenden liturgischen Kalender. Diese sichtbaren beziehungsweise katalogisierten Merkmale bilden den Ausgangspunkt jeder weiteren Deutung.

Was lässt sich über Ort und Jahreszeit erschließen?

Hier kommen Datierung, Zuschreibung und Katalogkommentar hinzu. „Wahrscheinlich Gent“ ist eine andere Aussage als ein gesicherter Entstehungsort. Mögliche Verbindungen nach London oder Kent sind wiederum etwas anderes als eine allgemeine Regel für englische Kalender. Solche Abstufungen machen die Gegenstände nicht weniger interessant, sondern geben ihnen ein genaueres Profil.

Enthält das Blatt eine ausdrückliche astrologische Anweisung?

Ein Zeichen neben einer Arbeit ist noch keine ausformulierte Empfehlung, diese Tätigkeit bei einer bestimmten Planetenstellung auszuführen. Für eine solche Lesart müsste ein entsprechender Hinweis hinzukommen, etwa ein Text, der die Handlung ausdrücklich an eine Himmelskonstellation bindet. Die hier vorgestellten Belege liefern diesen konkreten Aussaatrat nicht.

Der Skorpion verliert dadurch nichts von seiner Bedeutung. Im Gegenteil: Als Bestandteil des Kalenders zeigt er eine historische Seite des Tierkreises, die neben heutigen Horoskopen leicht übersehen wird. Die Zeichen begleiteten nicht nur persönliche Deutungen. Sie halfen auch, das wiederkehrende Jahr in Bildern zu ordnen – zusammen mit dem Säen, der Traubenverarbeitung und den Festen des Kirchenjahres.

Quellen